Zur Reichweite der Fahrzeugkaskoversicherung – Abrechnung von Reparaturkosten auf Gutachtenbasis

In seinem Urteil vom 11. November 2015 (Az. IV ZR 426/14) hatte der BGH zu entscheiden, inwieweit der Fahrzeugkaskoversicherer bei einer fiktiven Abrechnung von Reparaturkosten den Versicherungsnehmer auf die günstigeren Lohnkostensätze einer ortsansässigen, nicht markengebundenen Fachwerkstatt verweisen kann.

Zwischen dem Kläger und dem beklagten Versicherer bestand ein Fahrzeugkaskoversicherungsvertrag. In diesen Vertrag war unter anderem die folgende AKB 2008-Klausel einbezogen:

„Ziff. A.2.7.1

Wird das Fahrzeug beschädigt, zahlen wir die für die Reparatur erforderlichen Kosten bis zu folgenden Obergrenzen:

  1. a) (…)
  2. b) Wird das Fahrzeug nicht, nicht vollständig oder nicht fachgerecht repariert, zahlen wir die erforderlichen Kosten einer vollständigen Reparatur bis zur Höhe des um den Restwert verminderten Wiederbeschaffungswerts nach A.2.6.6.“

Der Kläger verlangte von dem Beklagten aus dem Versicherungsvertrag auf Gutachtenbasis den Ersatz des an seinem Fahrzeug der Marke Mercedes entstandenen, nicht reparierten Unfallschadens. Bei der Berechnung des von ihm geltend gemachten zu ersetzenden Reparaturkostenaufwandes in Höhe von ca. 9.400,00 Euro legte der Kläger die Stundenverrechnungssätze einer Mercedes-Fachwerkstatt zu Grunde. Der Beklagte lehnte eine Leistung in dieser Höhe ab. Stattdessen errechnete er einen um ca. 3.000,00 Euro geringeren Reparaturkostenaufwand, indem er die geringeren Stundenverrechnungssätze einer ortsansässigen, nicht markengebundenen Werkstatt veranschlagte.

In seiner Entscheidung stellte der BGH klar, dass die im Rahmen der Abrechnung auf Gutachtenbasis maßgeblichen Stundenverrechnungssätze sich nach der aus Sicht eines durchschnittlichen Versicherungsnehmers vorzunehmenden Auslegung des in Ziff. A.2.7.1 AKB 2008 verwendeten Begriffs der Erforderlichkeit bestimmen. Die zu den §§ 249 ff. BGB entwickelten haftungsrechtlichen Grundsätze seien dabei nicht entscheidend (vgl. dazu auch Kammerer-Galahn, in: Looschelders/Pohlmann, VVG, 2. Aufl., 2011, Anh. A Rn. 44 unter Verweis auf OLG Hamm NZV 2006, 541). Vielmehr sei die – vom Versicherungsnehmer darzulegende und zu beweisende – Ersatzfähigkeit der Stundenverrechnungssätze einer markengebundenen Fachwerkstatt nach Ziff. A.2.7.1 AKB 2008 zu bejahen, „wenn nur in der Markenwerkstatt eine vollständige und fachgerechte Instandsetzung [des] Fahrzeugs möglich ist“, und im Regelfall auch dann, „wenn es sich um ein neueres Fahrzeug oder um ein solches handelt, das der Versicherungsnehmer bisher stets in einer markengebundenen Fachwerkstatt hat warten und reparieren lassen.“

Da die Entscheidungsgründe derzeit noch nicht vorliegen, kann an dieser Stelle keine abschließende Einordnung des Urteils erfolgen. Ausgehend von den bisher veröffentlichten Informationen offenbart die Entscheidung jedoch einmal mehr den strukturellen Unterschied, der zwischen dem in §§ 249 ff. BGB konkretisierten haftungsrechtlichen Anspruch einerseits und dem nach Ziff. A.2.7.1 AKB 2008 zu bestimmenden versicherungsvertraglichen Erfüllungsanspruch andererseits besteht (zu diesem strukturellen Unterschied Stadler, in: Stiefel/Maier, Kraftfahrtversicherung, 18. Aufl., 2010, AKB 2008 A.2.7 Rn. 3; vgl. auch OLG Hamm NZV 2006, 541 f.). Wegen dieses Unterschieds bleibt in dem konkret entschiedenen Fall der Leistungsanspruch des Klägers gegen den Beklagten nach Ziff. A.2.7.1 AKB 2008 gegebenenfalls der Höhe nach hinter einem möglichen haftungsrechtlichen Anspruch des Klägers gegen den Unfallgegner zurück (in diesem Sinne auch OLG Hamm NZV 2006, 541 f.).

Der strukturelle Unterschied zwischen den Ansprüchen macht sich zudem bei der grundsätzlichen Verteilung der Darlegungs- und Beweislast bemerkbar. So kann ein nach §§ 249 ff. BGB haftender Unfallgegner den geschädigten Kasko-Versicherungsnehmer nur unter den von ihm (dem Unfallgegner) darzulegenden und zu beweisenden Voraussetzungen des § 254 Abs. 2 BGB auf eine kostengünstigere Reparatur in einer nicht markengebundenen Fachwerkstatt verweisen (vgl. BGH NJW 2010, 606). Geradezu umgekehrt muss der Kasko-Versicherungsnehmer im Verhältnis zum Kasko-Versicherer darlegen und beweisen, dass die Voraussetzungen für den Ersatz der kostenintensiveren Stundenverrechnungssätze einer markengebundenen Fachwerkstatt bestehen. Gleichwohl gestaltet sich die Darlegungs- und Beweislastverteilung insoweit nicht schematisch. Vielmehr kann sich auch hinsichtlich der für § 254 Abs. 2 BGB maßgeblichen Voraussetzungen eine (sekundäre) Darlegungs- und Beweislast des Geschädigten ergeben (vgl. BGH NJW 2005, 1933, 1935; 2010, 606 Rn. 15).

 

Dr. Boris Derkum

Zur Reichweite der Unfallversicherung bei einem missglückten Golfschlag

In seinem Beschluss vom 10.06.2015 (Az. 20 U 77/15; MDR 2015, 1007) hatte das OLG Hamm sich mit der Reichweite der Unfallversicherung zu befassen. Der Kläger unterhielt bei der Beklagten eine Unfallversicherung mit folgenden AUB:

 

„Ziff. 1.3

Ein Unfall liegt vor, wenn die versicherte Person durch ein plötzlich von außen auf ihren Körper einwirkendes Ereignis (Unfallereignis) unfreiwillig eine Gesundheitsschädigung erleidet.

(…)

Ziff. 5.2.1

Ausgeschlossen sind außerdem folgende Beeinträchtigungen: Schäden an Bandscheiben und deren Folgen (…). Versicherungsschutz besteht jedoch, wenn ein unter diesen Vertrag fallendes Unfallereignis nach Ziffer 1.3 die überwiegende Ursache ist.“

 

Am 25.05.2013 erlitt der Kläger während der Teilnahme an einem Golfturnier einen sequestrierten lumbalen Bandscheibenvorfall, der eine Minderung seiner Erwerbsfähigkeit von mindestens 10 % nach sich zog. Der Bandscheibenvorfall machte sich bemerkbar, als der Kläger nach einem missglückten Golfschlag an einem Hang aus dem Gleichgewicht kam und sodann – zur Vermeidung eines Sturzes – einen Ausfallschritt machte. Der missglückte Golfschlag hatte mit einer zunächst kontrollierten Schwungbewegung begonnen, woraufhin der Kläger im Verlaufe des Schwunges die Kontrolle über seine Bewegung verlor. Als der Kläger daraufhin den Ausfallschritt ausführte, spürte er einen starken Schmerz im Bereich der LWS.

Für die erlittene Minderung der Erwerbsfähigkeit forderte der Kläger von der Beklagten eine Versicherungsleistung in Höhe von 142.400,00 Euro. Das OLG Hamm hat diesen Anspruch verneint, da der geschilderte Sachverhalt ausweislich der maßgeblichen AUB keinen Versicherungsfall begründe. So sei die Schwungbewegung kein Unfall i.S.d. Ziff. 1.3 AUB, da es insoweit an einem „von außen“ auf den Körper einwirkenden Ereignis fehle. Die Fliehkraft des Golfschlägers sei als ein vom Kläger beabsichtigter und bewusst in Kauf genommener Faktor weder unbeherrschbar noch unerwartet.

Falls der Bandscheibenvorfall seine unmittelbare Ursache erst in dem im Verlaufe des Schwunges eingesetzten Kontrollverlust des Klägers und dem daraufhin ausgeführten Ausfallschritt haben sollte, könne dies zwar möglicherweise einen Unfall i.S.d. Ziff. 1.3 AUB begründen. Gleichwohl scheitere der Anspruch des Klägers in diesem Fall jedenfalls an dem Risikoausschluss der Ziff. 5.2.1 AUB, weil der in Rede stehende Bandscheibenvorfall nach der praktischen Erfahrung des Fachsenates seine überwiegende Ursache nicht in dem Ausfallschritt haben könne. Da der Ausfallschritt weder eine – für einen traumatische bedingten isolierten Bandscheibenvorfall erforderliche – „starke axiale Komponente (schwere Heben)“ noch „eine sehr hohe Impulsgeschwindigkeit der plötzlich auf die Wirbelsäule einwirkenden Kräfte“ beinhalte, sei die überwiegende Ursache für den erlittenen Bandscheibenvorfall vielmehr allenfalls in einer erheblichen Vorschädigung des Klägers zu sehen.

Die Entscheidung verdeutlicht die beiden wesentlichen Hürden, die für einen Leistungsanspruch der versicherten Person gegen die Unfallversicherung bei einem im Zusammenhang mit einer bewussten Bewegung erlittenen Bandscheibenvorfall bestehen. Soweit die versicherte Person die Bewegung bewusst vorgenommen hat, scheitert der Anspruch häufig bereits an dem Erfordernis eines Unfalls (Götz, in: Looschelders/Pohlmann, VVG, 2. Aufl., 2011, § 178 VVG Rn. 15, 43 m.w.N.). Da Bandscheibenvorfälle häufig das Ergebnis von länger andauernden degenerativen Veränderungen sind, ist zudem selbst ein angenommener „Unfall“ regelmäßig nicht die überwiegende Ursache für den erlittenen Bandscheibenvorfall (Götz, in: Looschelders/Pohlmann, VVG, 2. Aufl., 2011, § 178 VVG Rn. 43 m.w.N.).

 

Dr. Boris Derkum

Der „verwitwete Ehegatte“ als Bezugsberechtigter bei einer kapitalbildenden Lebensversicherung

 

In seinem Urteil vom 22.07.2015 (Az. IV ZR 437/14; BeckRS 2015, 13681) befasste der BGH sich mit der Auslegung einer vom Versicherungsnehmer abgegebenen Bezugsrechtserklärung zu Gunsten des „verwitwete[n] Ehegatte[n]“. Konkret ging es dabei um eine im Jahr 1987 bei der Rechtsvorgängerin der Beklagten auf den verstorbenen Ehemann der Klägerin geschlossene kapitalbildende Lebensversicherung, deren Versicherungsnehmer seit dem 1.7.1997 ebenfalls der Ehemann der Klägerin (im Folgenden: VN) war. Die dem Lebensversicherungsvertrag zu Grunde liegenden ALB 1986 lauten auszugsweise:

„§ 13

(1) Die Leistung aus dem Versicherungsvertrag erbringen wir an Sie als unseren Versicherungsnehmer oder an Ihre Erben, falls Sie uns keine andere Person benannt haben, die bei Eintritt des Versicherungsfalls die Ansprüche aus dem Versicherungsvertrag erwerben soll (Bezugsberechtigter). (…)
(…)
(4) Die Einräumung und der Widerruf eines widerruflichen Bezugsrechts (vgl. Absatz 1) (…) sind uns gegenüber nur und erst dann wirksam, wenn sie uns vom bisherigen Berechtigten schriftlich angezeigt worden sind.“

 

Am 9.7.1997 sandte der VN den folgenden – von ihm ausgefüllten und unterschriebenen – Vordruck der Beklagten an sie zurück:

„Für die Versicherung (…) gilt folgendes Bezugsrecht: Solange die versicherte Person lebt, der Versicherungsnehmer, nach dem Tode der versicherten Person
(X) der verwitwete Ehegatte
(…)“

 

Zur Zeit dieser Erklärung war der VN noch in erster Ehe mit der Streithelferin der Beklagten (im Folgenden: Streithelferin) verheiratet. Die im Jahr 1987 geschlossene Ehe wurde am 16.4.2002 geschieden. Erst daraufhin heiratete der VN am 30.10.2002 die Klägerin, mit der er bis zu seinem Tod am 18.4.2012 verheiratet blieb. Nach dem Tod des VN weigerte die Beklagte sich, die Versicherungssumme an die Klägerin auszuzahlen, da sie insoweit nicht die Klägerin, sondern die Streithelferin, also die erste Ehefrau des VN, für bezugsberechtigt hielt.

Der BGH hat die Rechtsauffassung der Beklagten unter Fortführung seiner bisherigen Rechtsprechung (insb. BGH VersR 2007, 784) bestätigt.

Zur Begründung führt das Gericht an, dass die vom VN am 9.7.1997 getroffene Bestimmung als einseitige empfangsbedürftige Willenserklärung der Auslegung nach §§ 133, 157 BGB im Zeitpunkt ihrer Abgabe unterliege (vgl. auch Looschelders/Pohlmann/Peters, VVG, 2. Aufl. 2011, § 15 Rn. 8, 13). Nach diesen Maßstäben bleibe die später mit der Klägerin geschlossene Ehe des VN bei der Auslegung der Bezugsrechtserklärung vom 9.7.1997 außer Acht. Vielmehr habe die Beklagte den VN im Jahr 1997 nur so verstehen können, dass er mit „der verwitwete Ehegatte“ die mit ihm zu dieser Zeit noch verheiratete Streithelferin meinte. Mangels gegenteiliger Anhaltspunkte sei zudem nach allgemeiner Lebenserfahrung nicht anzunehmen, dass der VN zum Zeitpunkt seiner Erklärung allgemein die Person begünstigen wollte, die mit ihm zum Zeitpunkt seines Todes verheiratet war. Ebenso wenig sei die Bestimmung der Streithelferin als Bezugsberechtigte auf den Fortbestand der mit ihr eingegangenen Ehe bis zum Zeitpunkt des Todes des VN auflösend bedingt. Da der VN, obwohl er befugt war, über die Bezugsberechtigung frei zu bestimmen, nach der Scheidung der ersten Ehe auch keine den Voraussetzungen des § 13 Abs. 4 ALB 1986 entsprechende Willenserklärung zur Änderung des Bezugsrechts abgegeben habe, sei die Streithelferin bis zum Tod des VN bezugsberechtigt geblieben.

Nach Ansicht des BGH kommt es für die Frage der Bezugsberechtigung also allein darauf an, wen der VN im Zeitpunkt der Bezugsrechtserklärung für die Beklagte erkennbar mit „der verwitwete Ehegatte“ meinte (vgl. dazu auch Günther, FD-VersR 2015, 371547). Dass die Ehe mit der Streithelferin nicht erst durch den Tod des VN, sondern vorher durch Scheidung beendet wurde und die Streithelferin als geschiedene Ehefrau nach allgemeinem Sprachgebrauch wohl nicht mehr zur verwitweten Ehegattin des VN werden konnte (so die Kritik von Hoenicke, r+s 2015, 458), ist daher für die Frage der Bezugsberechtigung unerheblich. Die damit verbundene mögliche Diskrepanz im Verhältnis zu der erbrechtlichen Auslegungsregel des § 2077 Abs. 1 S. 1 BGB, wonach eine letztwillige Verfügung zu Gunsten des Ehegatten des Erblassers bei Auflösung der Ehe vor dem Erbfall im Zweifel unwirksam sein soll, erklärt sich aus dem durch die Empfangsbedürftigkeit der Bezugsrechtserklärung gebotenen Schutz des Versicherers. Der Versicherer soll im Interesse einer schnellen und reibungslosen Abwicklung des Versicherungsfalles nicht gehalten sein, entsprechend § 2077 BGB den hypothetischen Willen des VN zu erforschen (vgl. BGH VersR 2007, 784 Rn. 15; Heiss, in: Langheid/Wandt, Münchener Kommentar zum VVG; Band 2, 2011, § 159 Rn. 42).

Eine andere Frage ist freilich, ob die Streithelferin die an sie erbrachte Versicherungsleistung behalten darf oder aber aufgrund der Scheidung ihrer Ehe mit dem VN nach den Grundsätzen über die Rückgewähr unbenannter Zuwendungen an die Erben des VN herausgeben muss (allgemein zu dieser Problematik Heiss, in: Langheid/Wandt, Münchener Kommentar zum VVG; Band 2, 2011, § 159 Rn. 83 ff.; Looschelders/Pohlmann/Peters, VVG, 2. Aufl. 2011, § 15 Rn. 26 m.w.N). Diese Problematik betrifft indes nicht das sog. Deckungsverhältnis zwischen dem VN und der Beklagten, sondern lediglich das sog. Valutaverhältnis zwischen dem VN und der Streithelferin. Das Valutaverhältnis war vorliegend nicht streitgegenständlich, so dass der BGH insoweit auch keine Ausführungen treffen musste.

 

Dr. Boris Derkum

Zum Eintritt des Pfändungsschutzes bei einer Lebensversicherung

In seinem Urteil vom 22. Juli 2015 (BeckRS 2015, 14058) hat der BGH sich mit der umstrittenen Frage auseinandergesetzt, ab welchem Zeitpunkt eine Lebensversicherung infolge eines Umwandlungsverlangens des Versicherungsnehmers (VN) nach § 167 VVG Pfändungsschutz gem. § 851c Abs. 1 ZPO erlangt.

Nach einer verbreiteten Auffassung in der Literatur tritt der Pfändungsschutz bereits mit Zugang des Umwandlungsverlangens beim Versicherer (VR) ein (vgl. etwa Looschelders/Pohlmann/Krause, VVG-Kommentar, 2. Auflage, 2011, § 157 Rn. 13). Das Umwandlungsrecht des VN nach § 167 VVG sei dabei zumindest einem Gestaltungsrecht ähnlich (Looschelders/Pohlmann/Krause, VVG-Kommentar, 2. Auflage, 2011, § 157 Rn. 13). Zudem habe der VN keine Möglichkeit, den Zeitpunkt der Umwandlung der Lebensversicherung zu beeinflussen (Reiff, in: Prölss/Martin, VVG, 29. Auflage, 2015, § 167 Rn. 14).

Dem ist der BGH entgegengetreten. Nach Auffassung des BGH tritt der Pfändungsschutz erst ein, wenn die Umwandlung der Lebensversicherung in eine den Anforderungen des § 851c Abs. 1 ZPO entsprechende Versicherung erfolgt ist. Der bloße Zugang des Umwandlungsverlangens beim VR genüge hingegen nicht. Dies ergebe sich aus dem gesetzlichen Regelungskonzept, das aus Gründen der Rechtssicherheit, des Gläubigerschutzes sowie des Missbrauchsschutzes zwischen dem Umwandlungsverlangen auf der einen Seite und der tatsächlich erfolgten Umwandlung auf der anderen Seite unterscheide. Dementsprechend begründe § 167 VVG auch „kein Gestaltungsrecht“ des VN. Vielmehr habe der VN „nur einen Anspruch“ gegen seinen VR auf die Umwandlung. Komme der VR diesem Anspruch nicht nach und entspreche die Versicherung im Zeitpunkt der Pfändung nicht den Voraussetzungen des § 851c Abs. 1 ZPO, sei ein Pfändungsschutz mithin nicht gegeben.

In dem vom BGH entschiedenen Fall hatte die Klägerin als VN kurz vor Bestellung eines vorläufigen Insolvenzverwalters bei ihrem VR um die Umwandlung ihrer Lebensversicherung in eine pfändungsgeschützte Rentenversicherung ersucht. Dem kam der VR nicht (rechtzeitig) nach. Dadurch konnte der Insolvenzverwalter der Klägerin den Lebensversicherungsvertrag nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens kündigen und erhielt den Rückkaufswert der Versicherung ausgezahlt. Die Lebensversicherung der Klägerin war dabei nach Auffassung des BGH – mangels einer erfolgten Umwandlung – nicht nach § 36 Abs. 1 InsO i.V.m. § 851c Abs. 1 ZPO von der Insolvenzmasse ausgenommen.

Angesichts der restriktiven Haltung des BGH stellt sich die Frage, inwieweit der VN vom VR Schadensersatz verlangen kann, wenn letzterer die verlangte Umwandlung pflichtwidrig und schuldhaft verzögert. Besonders interessant ist dabei, ob der VR in einem solchen Fall im Wege der Naturalrestitution verpflichtet ist, dem VN den Abschluss eines neuen, den Voraussetzungen des § 851c Abs. 1 ZPO entsprechenden Vertrages anzubieten. Dies ließ der BGH jedoch aus prozessrechtlichen Gründen weitgehend offen. Klarheit besteht lediglich insoweit, als der BGH zumindest die abstrakte Möglichkeit eines – wie auch immer gearteten – Schadensersatzanspruches des VN aufgrund einer – nicht näher definierten – pflichtwidrigen und schuldhaften Verzögerung der Umwandlung bejaht.

 

Dr. Boris Derkum

Reichweite der Flusskaskoversicherung – Auslegung von Nr. 4.2., 4.4. und 4.8 der Allgemeinen Versicherungsbedingungen Flusskasko 2000/2004

In seiner Entscheidung vom 27. Mai 2015 hat der BGH sich mit der Flusskaskoversicherung befasst (BeckRS 2015, 11099). Die Klägerin hatte für ihr Transportmotorschiff (TMS) bei der Beklagten eine Flusskaskopolice abgeschlossen. Der Flusskaskopolice lagen unter anderem die Allgemeinen Versicherungsbedingungen Flusskasko 2000/2004 sowie die dazugehörigen Geschriebenen Bedingungen zugrunde. Die Klägerin begehrte von der Beklagten Deckungsschutz für Schäden infolge eines sich am 18. Oktober 2010 unter Beteiligung des TMS auf der Donau ereigneten Schifffahrtunfalls. Zum Zeitpunkt des Unfalls führte das TMS einen fremden noch nicht vollständig ausgerüsteten und noch nicht mit einem eigenen Antrieb ausgestatteten, aber schwimmfähigen Schiffsrumpf (Neubaukasko) seitlich gekoppelt im Verband mit sich. Der Neubaukasko kollidierte mit einem entgegenkommenden Gütermotorschiff  und wurde dadurch erheblich beschädigt. Ob ein der Klägerin zurechenbares Fehlverhalten bzw. eine unzureichende Beschaffenheit, Ausrüstung oder personelle Ausstattung des Schiffes „die wirksamste Ursache“ für die Kollision waren, konnte nicht sicher festgestellt werden. Vielmehr kamen auch noch zahlreiche andere Schadensursachen in Betracht. Als die Klägerin von einem Dritten auf Ersatz der an dem Neubaukasko entstandenen Schäden in Anspruch genommen wurde, verweigerte die Beklagte jegliche Versicherungsleistung. Vor diesem Hintergrund hatte der BGH zu entscheiden, ob die Beklagte verpflichtet war, die Klägerin von den gegen sie geltend gemachten Schadensersatzansprüchen freizustellen und die bei deren Abwehr entstandenen Rechtsverteidigungskosten zu zahlen. Der BGH hat beide Fragen unter entsprechender Auslegung der einschlägigen Allgemeinen Versicherungsbedingungen (AVB) bejaht.

Hinsichtlich der Freistellungspflicht argumentierte der BGH in erster Linie damit, dass der Neubaukasko aus der maßgeblichen Sicht eines durchschnittlichen, um Verständnis bemühten Versicherungsnehmers bei verständiger Würdigung und Durchsicht der einschlägigen AVB unter Berücksichtigung des erkennbaren Sachzusammenhanges als ein Fahrzeug i.S.d. Nr. 3 Abs. 4 der Geschriebenen Bedingungen zu den AVB Flusskasko 2000/2004 einzuordnen sei. Insoweit genüge es, dass das Fahrzeug (hier also der Neubaukasko) – dem in der Klausel ausdrücklich benannten Leichter vergleichbar – für das Schieben oder die Mitnahme durch das versicherte Schiff (hier also das TMS) geeignet sei. Auch sei die Deckungsverpflichtung nicht gemäß Nr. 4.8 AVB Flusskasko 2000/2004 ausgeschlossen, wonach ein Ausschluss für Sachen „an Bord des versicherten Schiffes“, nicht aber für solche „neben Bord“ des versicherten Schiffes bestehe. Nichts anderes ergebe sich aus Nr. 10 der Geschriebenen Bedingungen zu den AVB Flusskasko 2000/2004, da auch diese Klausel nicht hinreichend deutlich mache, unter welchen Voraussetzungen unbeladen mitgeführte Fahrzeuge in Abgrenzung zu den in Nr. 3 Abs. 4 der Geschriebenen Bedingungen zu den AVB Flusskasko 2000/2004 genannten Fahrzeugen als „Ladung“ vom Versicherungsschutz nicht umfasst seien.

Unter Übertragung seiner Rechtsprechung zur Seeversicherung entschied der BGH ferner, dass ein Ausschluss der Einstandspflicht des Versicherers nach §§ 137 f. VVG nicht greife, wenn – wie in dem entschiedenen Fall – neben den dort genannten Schadensursachen auch weitere Schadensursachen in Betracht kommen und die in §§ 137 f. VVG genannten Schadensursachen nicht mit hoher Wahrscheinlichkeit erheblich ursächlich sind („causa proxima“). Die so verstandene Ursächlichkeit habe der Versicherer darzulegen und zu beweisen (zur Beweislast des Versicherers für die Kausalität bei §§ 137 f. VVG und dem insoweit denkbaren Anscheinsbeweis Looschelders/Pohlmann/Paffenholz, VVG-Kommentar, 2. Auflage, 2011, § 137 Rn. 10, § 138 Rn. 8). Des Weiteren stellte der BGH klar, dass die Flusskaskoversicherung ausweislich der insoweit maßgeblichen Nr. 3 Abs. 1 S. 1 der Geschriebenen Bedingungen zu den AVB Flusskasko 2000/2004 auch grob fahrlässig herbeigeführte Drittschäden erfasse.

Zur Ersatzfähigkeit der Rechtsverteidigungskosten führte der BGH aus, dass eine Ablehnung des nach Nr. 4.2 und 4.4 AVB Flusskasko 2000/2004 geschuldeten Rechtsschutzes keine Befreiung des Versicherers von seiner Rechtsschutzverpflichtung bewirke. Vielmehr wandle sich der Anspruch des Versicherungsnehmers auf Rechtsschutz durch den Versicherer in einen Kostenerstattungsanspruch hinsichtlich der Prozesskosten, die dem Versicherungsnehmer infolge der eigenständigen Abwehr der Schadensersatzansprüche entstehen.

Insgesamt ist die Entscheidung sorgfältig begründet. Die Lückenhaftigkeit von Nr. 4.8 AVB Flusskasko 2000/2004 in Bezug auf Sachen die sich nicht „an Bord“, sondern „neben Bord“ befinden, hatte bereits Schmidt in einem Aufsatz herausgearbeitet (VersR 2013, 418, 429). Dem ist der BGH in seiner Entscheidung gefolgt. Zu beachten ist auch, dass der Ausschluss nach Nr. 4.8 AVB wohl nicht zuletzt mit Blick auf den Aufsatz von Schmidt in den aktuell vom GDV empfohlenen AVB Flusskasko 2008/2013 (abrufbar unter: http://www.tis-gdv.de/tis/bedingungen/avb/fluss/fluss.html) präzisiert worden ist (vgl. Bruck/Möller/Hartenstein9 Bd. 6/2, Ziff. 4 AVB Flusskasko 2008/2013 Rn. 18). Danach gilt der Ausschluss auch „für solche Sachen, die sich an Bord einer Einheit befinden, die mit dem versicherten Schiff einen Verband im Sinne des § 104 1. HS BinSchG bildet“. Nicht vom Ausschluss umfasst ist hingegen „der Ersatz für Verlust oder Beschädigung der mit dem versicherten Schiff einen Verband bildenden Einheit selbst“.

 

Dr. Boris Derkum