Beginn der Verjährung des Bereicherungsanspruchs nach Widerspruch gemäß § 5a VVG a.F.

Der für das Versicherungsrecht zuständige 4. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hatte darüber zu entscheiden, ob der klagende Versicherungsnehmer Rückzahlung geleisteter Versicherungsbeiträge aus einer Rentenversicherung nach einem Widerspruch gemäß § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. verlangen kann.
Diese wurde aufgrund eines Antrags des Klägers mit Vertragsbeginn zum 1. April 1998 nach dem Policenmodell des § 5a VVG a.F. abgeschlossen. Die Allgemeinen Versicherungsbedingungen und die Verbraucherinformation gemäß § 10a VVG a.F. erhielt er mit dem Versicherungsschein. Sodann zahlte der Versicherungsnehmer bis Mai 2008 monatlich die Prämien. Im Juni 2008 erklärte er den Widerspruch vom Vertrag, hilfsweise die Kündigung. Die Beklagte bestätigte die Kündigung und zahlte dem Kläger einen Rückkaufswert. Mit seiner im April 2011 erhobenen Klage begehrt der Kläger Rückzahlung aller auf den Vertrag geleisteten Beiträge zuzüglich Zinsen abzüglich des bereits gezahlten Rückkaufswerts.
Die Vorinstanzen haben die Klage abgewiesen, weil der Widerspruch verfristet gewesen sei. Mit der Revision verfolgte der Kläger seinen Zahlungsanspruch weiter.
Der BGH stellt fest, dass der Kläger einen Anspruch auf Rückzahlung geleisteter Versicherungsbeiträge hat, da der Rückgewähranspruch bei Erhebung der Klage im April 2011 nicht verjährt war.
Die Regelverjährung beginnt nach § 199 Abs. 1 BGB mit dem Schluss des Jahres, in dem der Anspruch entstanden ist und der Gläubiger von den den Anspruch begründenden Umständen und der Person des Schuldners Kenntnis erlangt oder ohne grobe Fahrlässigkeit erlangen musste.
In Rechtsprechung und Literatur ist umstritten, ob der auf Rückgewähr der Prämien gerichtete Bereicherungsanspruch bereits mit jeder einzelnen Zahlung (so Armbrüster, NJW 2014, 497, 498; LG Heidelberg, Urteil vom 25. September 2014 – 1 S 15/13) oder erst mit der Ausübung des Widerspruchsrechts entstanden ist (so OLG Stuttgart, Urteil vom 23. Oktober 2014 – 7 U 54/14).
Nach Ansicht des Senats entstehe der Anspruch im Sinne des § 199 Abs. 1 Nr. 1 BGB erst mit der Ausübung des Widerspruchsrechts.
Ein Anspruch entsteht, wenn er im Wege der Klage geltend gemacht werden kann. Voraussetzung hierfür ist die Fälligkeit des Anspruchs gemäß § 271 BGB (Palandt/Ellenberger, BGB 74. Auflage § 199 Rn. 3). Der Bereicherungsanspruch wurde erst mit der Erklärung des Widerspruchs fällig, denn in diesem Zeitpunkt wurde dem bis dahin schwebend unwirksamen Versicherungsvertrag endgültig die Wirksamkeit versagt. Erst durch den Widerspruch wurde der Schwebezustand beendet und Klarheit geschaffen, dass dem Versicherer die geleisteten Prämien nicht zustanden.
Dies gilt auch für das hier bestehende fortdauernde Widerspruchsrecht. Das folgt aus dem Urteil des IV Zivilsenats vom 7. Mai 2014 (IV ZR 76/11, BGHZ 201, 101 Rn. 17-34), mit dem entschieden wurde, dass ein Widerspruchsrecht fortbestehe, wenn der Versicherungsnehmer nicht ordnungsgemäß über dieses belehrt worden sei und/oder die Verbraucherinformation oder die Versicherungsbedingungen nicht erhalten habe. Trotz der unbegrenzten Widerspruchsmöglichkeit war spätestens bei Rückforderung der Prämien eine Erklärung abzugeben, dass der Kläger den Vertrag nicht wirksam zustande kommen lassen wollte. Insoweit ist die Beurteilung nicht anders als in dem Fall vorzunehmen, in dem die Entstehung des Anspruches von anderen Gestaltungsrechten, wie insbesondere der Anfechtung oder einem Rücktritt, abhängt.

 

Sarah Appelrath

Kein Bereicherungsanspruch des nach § 5a VVG a.F. ordnungsgemäß belehrten Versicherungsnehmers nach jahrelanger Durchführung des Lebensversicherungsvertrages

Der BGH hat in einem aktuellen Urteil vom 16. Juli 2014 (Pressemitteilung Nr. 110/2014) entschieden, dass der nach dem Policenmodell abgeschlossene Lebensversicherungsvertrag nicht wegen Gemeinschaftsrechtswidrigkeit des § 5a VVG a.F. unwirksam sei.

Hierzu bedurfte es nach Ansicht des Senats nicht der Vorlage an den Gerichtshof der Europäischen Union, da nach der Instanzrechtsprechung und dem überwiegendem Schrifttum die Bestimmungen der zweiten und dritten Richtlinie Lebensversicherung der Widerspruchslösung des § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. nicht entgegenstünden, denn die vorgenannten Richtlinien enthielten keine Vorgaben zum Zustandekommen des Vertrages, sondern überlassen dies dem nationalen Gesetzgeber. Den in den der Richtlinie geforderten Informationspflichten entspricht § 5a VVG a.F. Hiernach kann der Versicherungsvertrag erst nach einer ordnungsgemäßen Belehrung wirksam Zustandekommen, sodass dem BGH zu Folge die Belehrung des Versicherungsnehmers vor dem Zustandekommen und damit vor Abschluss des Vertrages sichergestellt sei.

Der Senat war bereits deshalb nicht gehalten eine Vorabentscheidung des Gerichtshofs der Europäischen Union einzuholen, da sich nach Auffassung des Gerichts der Kläger jedenfalls treuwidrig verhalten habe gemäß § 242 BGB. Er habe jahrelang den Vertrag durchgeführt und berufe sich letztlich auf dessen Unwirksamkeit trotz ordnungsgemäßer Belehrung.

Ebenfalls offenbleiben konnte auch, ob alle Lebens- und Rentenversicherungsverträge ohne weiteres – selbst ohne Widerspruch – unwirksam wären und ob sich darauf auch die Versicherer berufen könnten.

Der BGH sieht sein Urteil nicht als verbraucherfeindlich an, vielmehr sah das Gericht die Gefahr, dass unter Umständen Millionen von Altverträgen unter dem Damoklesschwert der Unwirksamkeit stünden. Denn nicht nur die Versicherten könnten die Verträge auflösen, sondern auch die Versicherer. Dabei seien doch aber viele Versicherungsnehmer mit ihren Verträgen zufrieden und hätten schließlich ihre Altersvorsorge darauf aufgebaut.

Sarah Appelrath

Zur Bestimmung des Eintritts eines Rechtsschutzfalles beim Schadensersatzrechtsschutz und verstoßabhängigen Rechtsschutz

BGH Urteil vom 30. April 2014 – IV ZR 47/13

Die Voraussetzungen für den Eintritt des Versicherungsfalles in der Rechtsschutzversicherung haben eine große praktische Bedeutung. Jüngst befasste sich auch der BGH mit der Frage nach dem Eintritt des Rechtsschutzfalles bei Schadensersatzrechtsschutz und verstoßabhängigem Rechtsschutz.

Der Revisionsentscheidung lag folgender Sachverhalt zugrunde: Die Klägerin und ihr mitversicherter Ehemann beteiligten sich im März 1999 als atypische stille Gesellschafter an der S. Immobilienanlagen und Vermögensmanagment AG (im folgenden S. AG). Über das Vermögen der S. AG wurde im Jahr 2007 das Insolvenzverfahren eröffnet. Die Klägerin warf der S. AG Betrug, Kapitalanlagebetrug und vorsätzliche sittenwidrige Schädigung vor, da das zugrundeliegende Anlagekonzept nach dem Steigermodell (vgl. dazu BGH, Urteil vom 21. März 2005; WM 2005, 838) von Beginn an nicht tragfähig gewesen sei.

Schadensersatzpflichtig hätten sich nach Ansicht der Klägerin auch die für die S. AG tätigen Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften gemacht. Für die gerichtliche und außergerichtliche Geltendmachung dieser Schadensersatzansprüche verlangte die Klägerin von der Beklagten Deckungsschutz aus einem am 1. Februar 1999 abgeschlossenen und am 1. Februar 2011 gekündigten Rechtsschutzversicherungsvertrag mit den zugrundeliegenden Allgemeinen Rechtsschutzbedingungen von 1994. Die Parteien stritten unter anderem darüber, ob der Rechtsschutzfall in versicherter Zeit eingetreten ist.

Dreh- und Angelpunkt der Streitigkeit ist die Auslegung des § 4 ARB 94. In diesem heißt es unter anderem:

 

„§ 4 Voraussetzungen für den Anspruch auf Rechtsschutz

1)  Anspruch auf Rechtsschutz besteht nach Eintritt eines Rechtsschutzfalles

a) im Schadensersatz-Rechtsschutz gem. § 2 a) von dem ersten Ereignis an, durch das der Schaden verursacht wurde oder verursacht worden sein soll;

c) in allen anderen Fällen von dem Zeitpunkt an, in dem der Versicherungsnehmer oder ein anderer einen Verstoß gegen Rechtspflichten oder Rechtsvorschriften begangen hat oder begangen haben soll.

Die Voraussetzungen nach a) bis c) müssen nach Beginn des Versicherungsschutzes gemäß § 7 und vor dessen Beendigung eingetreten sein.“

 

Die Beklagte machte geltend, dass die rechtsschutzfallbegründenden Schadensereignisse nach § 4 Abs. 1 Satz 1 a) ARB 94 die Produktentwicklung, falsche Testierungen, und weitere Unterstützungshandlungen der Wirtschaftsprüfer- und Beteiligungsgesellschaften gewesen seien. Diese Handlungen hätten sich schon Jahre vor dem Abschluss des Rechtsschutzversicherungsvertrages im März 1999 und vor der Beteiligung der Eheleute an der S. AG im Februar 1999 ereignet, sodass ein Vorversicherungsfall vorliegen würde.

Die Ansicht der Beklagten hält der rechtlichen Nachprüfung nicht stand. Bezugnehmend auf Looschelders/Paffenholz (ARB-Kommentar [2014] § 4 ARB 2010 Rn. 14) führt der BGH aus, dass die von § 4 Abs. 1 Satz 1 a) ARB 94 geforderte Anknüpfung an das erste Kausalereignis bei wortlautgetreuer Auslegung die „Gefahr einer uferlosen Rückverlagerung“ in sich berge. Dies widerspreche die Interessen des Versicherungsnehmers, da so der Versicherungsschutz unterlaufen werden könne und überdies gegen § 307 BGB verstoßen würde. Der BGH konkretisiert, dass nur solche Ursachen ein rechtsschutzfallbegründendes Ereignis nach § 4 Abs. 1 Satz 1 a) ARB 94 darstellen, die zurechenbar und nach der Lebenserfahrung hinreichend wahrscheinlich zu einem Schadensersatzanspruch des Versicherungsnehmers führen könnten (grundlegende Leitentscheidung des Senatsurteils vom 25. September 2002; VersR 2002, 1503). Für den Eintritt des Versicherungsfalles sei auf den Tatsachenvortrag abzustellen, mit dem der Versicherungsnehmer seinen Schadensersatzanspruch begründet, wobei es laut BGH nicht auf die Schlüssigkeit und Beweisbarkeit des Vortrags ankommen soll (so auch Looschelders/Paffenholz, ARB-Kommentar [2014] § 4 ARB 2010 Rn. 18).

Auch bei § 4 Abs. 1 Satz 1 c) ARB 94 komme es nach gefestigter Rechtsprechung für den Eintritt des Versicherungsfalles auf die vorgeworfene Pflichtverletzung und den dazugehörigen Tatsachenvortrag an (grundlegend Senatsurteil vom 28. September 2005; VersR 2005, 1684; statt vieler Looschelders/Paffenholz, ARB-Kommentar [2014] § 4 ARB 2010; Rn. 45 f.).

Dabei muss in diesem wie in jenem Fall das schädigende Verhalten einen „fassbaren Bezug“ zum Versicherungsnehmer haben. Das Erstereignis könne also nur ein solches sein, das sich auf die Rechtsgüter des Versicherungsnehmers auszuwirken vermag. Fehle ein derartiger Bezug, würde dem Tatsachenvortrag die anspruchbegründende Eignung und somit die Eignung, einen Versicherungsfall auszulösen, fehlen. Für den vorliegenden Fall bedeutet dies, dass erst mit dem Beitritt der Eheleute in die S. AG durch den Abschluss des Beteiligungsvertrages ein hinreichender Bezug zu dem schädigenden Verhalten der Wirtschaftsprüfungs- und Beteiligungsgesellschaften entstanden sei. Zu diesem Zeitpunkt waren die Klägerin und ihr Ehemann bereits rechtsschutzversichert.

Der einschränkenden Auslegung des § 4 Abs. 1 Satz 1 a) ARB 94 ist zuzustimmen. Insbesondere kann das für die Zurechnung eingrenzende Kriterium der Adäquanz das Problem der weiten Vorverlagerung des Versicherungsfalles nicht lösen. Da nach der Adäquanztheorie nur solche Ereignisse dem Verursacher nicht zurechenbar sind, die außerhalb jeder Lebenswahrscheinlichkeit liegen, lässt auch die Adäquanztheorie immer noch eine sehr weite Rückgriffsmöglichkeit auf die erste Ursache und damit auf das rechtschutzfallbegründende Ereignis zu (Looschelders/Paffenholz, ARB-Kommentar [2014] § 4 ARB 2010 Rn. 14).

Unklar ist auch die Formulierung in Ziff. 2.4.2 der Allgemeinen Rechtsschutzbedingungen von 2012, wonach der Versicherungsfall als das erste Ereignis definiert wird, bei dem der Schaden eingetreten ist oder eingetreten sein soll. Ob die nunmehr anderslautende Formulierung (früher: „durch das“) eine engere Auslegung impliziert, ist fraglich. Insoweit dürfte in Anlehnung an die ständige Rechtsprechung des BGH auch in Ziff. 2.4.2 ARB 2012 eine einschränkende Auslegung geboten sein (vgl. zum Meinungsstand Looschelders/Paffenholz, ARB-Kommentar [2014] § 4 ARB 2010 Rn. 14).

Ekaterini Naoumi

Klausel in einer Luftfahrt-Haftpflichtversicherung über fehlende Erlaubnisse und Berechtigungen des Luftfahrzeugführers ist als verhüllte Obliegenheit zu qualifizieren

BGH, Urt. v. 14.05.2014 – Az. IV ZR 288/12 (BeckRS 2014, 12116)

Das Flugschau-Unglück, welches sich am 26. April 2008 in Eisenach ereignete, war Gegenstand eines kürzlich veröffentlichten Urteils des Bundesgerichtshofs. Im Rahmen einer Feuerlöschübung war ein Agrarflugzeug beim Startvorgang nach rechts von der Start- und Landebahn abgekommen und in eine Zuschauermenge gerast. Der 4. Zivilsenat hatte nunmehr zu entscheiden, ob der Haftpflichtversicherer der Halterin als Versicherungsnehmerin und dem mitversicherten Piloten des verunglückten Flugzeugs Versicherungsschutz wegen der von bei dem Unfall geschädigten Dritten erhobenen Ansprüchen zu gewähren hat. Der Versicherer verweigerte bislang eine Schadenregulierung mit dem Einwand, der Pilot habe nicht über die für diesen Flug erforderlichen Erlaubnisse, Berechtigungen und Befähigungsnachweise verfügt. Tatsächlich stellte der BGH fest, dass der Pilot das versicherte Flugzeug am Unfalltag geführt hat, ohne im Besitz der erforderlichen Klassenberechtigung zu sein. Damit hing die gerichtliche Entscheidung maßgeblich von der Frage ab, wie die einschlägige Klausel in den Allgemeinen Versicherungsbedingungen zur Luftfahrt-Haftpflichtversicherung rechtlich einzuordnen ist:

 

„§ 4 Ausschlüsse

1. Kein Versicherungsschutz besteht,

1.3. wenn der/die Führer des Luftfahrzeugs bei Eintritt des Ereignisses nicht die vorgeschriebenen Erlaubnisse, erforderlichen Berechtigungen oder Befähigungsnachweise hatten;“

 

Während die beiden vorinstanzlichen Gerichte die Regelung als Risikoausschluss verstanden, sah der Bundesgerichtshof hierin eine verhüllte Obliegenheit. Der Senat räumte zwar ein, dass der Wortlaut der Klausel zunächst auf einen Risikoausschluss hindeute. Ausschlaggebend seien aber vielmehr der materielle Gehalt sowie Sinn und Zweck der Vorschrift. Hieraus ergebe sich, dass der Versicherungsnehmer dafür Sorge zu tragen hat, dass Flüge nur von Personen mit entsprechender Qualifikation durchgeführt werden. Von ihm werde also ein vorbeugendes, gefahrminderndes Verhalten verlangt, von dem es abhängt, ob er den zugesagten Versicherungsschutz behält oder verliert. Ferner gehe es über die berechtigten Interessen des Versicherers hinaus, ein durch unzureichende Erlaubnisse des Luftfahrzeugführers gesteigertes Risiko unabhängig von einem Verschulden des Versicherungsnehmers aus dem Deckungsschutz herauszunehmen. Dies zeige auch Art. 4 Abs. 1 Satz 2 EG-VO 785/2004, wonach die versicherten Risiken unter anderem Entführungen und die unrechtmäßige Besitznahme von Luftfahrzeugen einschließen müssen. Bei einem Verständnis der Klausel als Risikoausschluss wäre dies nicht gewährleistet. Demzufolge würdigte der BGH das Verhalten des Piloten als eine objektive Obliegenheitsverletzung, welche sich die Halterin zurechnen lassen müsse.

Zur Prüfung der sich aus dieser Wertung ergebenden weiteren Voraussetzung der in Frage stehenden Leistungsfreiheit nach § 6 VVG a.F. hat der BGH den Rechtsstreit an das Berufungsgericht zurückverwiesen. Für die geschädigten Dritten hat die Entscheidung zur Folge, dass der Versicherer ihnen gegenüber selbst dann leistungspflichtig bliebe, wenn auf Seiten des Versicherungsnehmers ein Verschulden festgestellt werden sollte, vgl. § 158c VVG a.F.

Aus dogmatischer Sicht erteilt der BGH mit diesem Urteil den Kritikern an der Rechtsfigur der verhüllten Obliegenheit eine Absage (vgl. etwa Koch VersR 2014, 283 (285) m.w.N.). Er hat die in der Literatur geäußerten Bedenken jedoch nicht zum Anlass genommen, diese Rechtsfigur näher auf deren Wirksamkeit zu überprüfen.

Tim Hofer

Der Abschluss eines Vertrages über eine fondsgebundene Renten- oder Lebensversicherung mit gesonderter Kostenausgleichsvereinbarung, nach der der Versicherungsnehmer die Abschlusskosten unabhängig vom Fortbestehen des Versicherungsvertrages zu tragen hat, ist wenn eine Regelung in AGB, nach der die Kostenausgleichsvereinbarung unkündbar ist, gemäß § 307 Abs. 2 Nr. 2 BGB unwirksam.

BGH, Urteile vom 12.03.2014 – IV ZR 295/13 und IV ZR 255/13

Sachverhalt:

Ein liechtensteinischer Lebensversicherer hatte in Deutschland wohnenden Kunden den Abschluss von fundgebundenen Rentenversicherungen angeboten. Die auf einem einheitlichen Formular aufgenommenen Anträge beinhalteten zum einem den Versicherungsvertrag sowie zum anderen eine Kostenausgleichsvereinbarung. In dieser Vereinbarung verpflichtete sich der Versicherungsnehmer in 48 monatlichen Raten einen bestimmten Betrag für Abschluss- und Einrichtungskosten an den Versicherer zu zahlen.

In dem Abschnitt betreffend die Kostenausgleichsvereinbarung findet sich folgender Hinweis:

„Die Auflösung des Versicherungsvertrages führt grundsätzlich nicht zur Beendigung dieser Kostenausgleichsvereinbarung.“

Des Weiteren befindet sich dort die vorformulierte Erklärung:

„Mir ist ebenfalls bekannt, dass ich die Kostenausgleichsvereinbarung nicht kündigen kann.“

Die beklagten Versicherungsnehmer kündigten den Versicherungsvertrag, stellten ferner die Zahlung der Raten ein und widerriefen ihre Vertragserklärungen einschließlich des Antrags auf Kostenausgleichsvereinbarung. Der Versicherer verklagte die Versicherungsnehmer auf Zahlung restlicher Abschluss- und Einrichtungskosten gemäß der Kostenausgleichsvereinbarung. Die Versicherungsnehmer begehrten widerklagend die Rückzahlung der bereits geleisteten Beträge zuzüglich des Rückkaufswertes des Versicherungsvertrages.

Rechtliche Würdigung:

Der vierte Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat entschieden, dass dem Versicherer kein Zahlungsanspruch aus der Kostenausgleichsvereinbarung zusteht. Infolge des Widerrufs waren die Widerklagen der Versicherungsnehmer erfolgreich.

Zunächst stellte der BGH klar, dass eine gesonderte Kostenausgleichsvereinbarung nicht gegen §§ 169 Abs. 5 Satz 2, 171 Satz 1 VVG verstoße. Auch eine Unwirksamkeit wegen Intransparenz gemäß § 307 Abs. 1 S. 2 BBG liege nicht vor. Jedoch stehe den Versicherungsnehmern weiterhin das Recht zu die Kostenausgleichsvereinbarung zu kündigen.

Die Zulässigkeit einer Kostenausgleichsvereinbarung, die dazu führt, dass der Versicherungsnehmer auch bei einer vorzeitigen Kündigung des Versicherungsvertrages mit den Abschluss- und Einrichtungskosten in voller Höhe belastet bleibt, wird in Rechtsprechung und Literatur unterschiedlich beurteilt.

Teilweise wird eine solche Vereinbarung als nichtiges Umgehungsgeschäft zur Regelung des § 169 Abs. 5 S. 2 VVG angesehen, welche einen Abzug für noch nicht getilgte Abschluss- und Vertriebskosten vom Rückkaufswert im Falle der Kündigung für unwirksam hält. Dadurch werde der Versicherungsnehmer von seinem Recht zur Kündigung Gebrauch zu machen unzulässig beschränkt (OLG Karlsruhe VersR 2014, 45; LG Rostock r+s 2011, 170; LG Düsseldorf, Urteile vom 3. Mai 2011 – 9 O 402/10, juris Rn. 18 ff.; vom 10. Februar 2011 – 11 O 401/10, juris Rn. 19 ff.; Römer in Römer/Langheid, VVG 4. Aufl. § 169 Rn. 36; Ortmann in Schwintowski/Brömmelmeyer, PK-VersR, 2. Aufl. § 169 Rn. 62, § 168 Rn. 34; MünchKomm/VVG-Mönnich, § 169 Rn. 90).

Nach anderer Auffassung ist eine Kostenausgleichsvereinbarung wegen des Grundsatzes der Vertragsfreiheit zulässig. § 169 Abs. 3, 5 S. 2 regele nur den Fall der Zillmerung (Krause in Looschelders/Pohlmann VVG 2. Auflage, § 169 Rn. 51; LG Bremen VersR 2013, 1387; LG Rostock VersR 2013, 41; LG Berlin VersR 2013, 705, 706; LG Kiel, Urteil vom 2. November 2011 – 5 O 150/11, juris Rn. 9 ff.; LG Bonn, Urteil vom 1. Dezember 2011 – 8 S 174/11, juris Rn. 11 ff.).

Der BGH folgt der zuletzt genannten Auffassung. Die Unanwendbarkeit des § 169 Abs. 5 Satz 2 VVG folge bereits aus dem Wortlaut und dem systematischen Zusammenhang. Sie betrifft allein den Abzug vom Mindestrückkaufswert nach Abs. 3 und 4 für Abschluss- und Vertriebskosten, welche durch die Zahlung der Prämien noch nicht getilgt sind. Zu einem solchen Abzug kommt es bei einer Nettopolice, bei der eine getrennte Abrechnung der Prämien und der Abschlusskosten erfolgt, von vorneherein nicht.

Weiterhin liege auch keine unzulässige Umgehung vor. Eine solche erfordert, dass die Gestaltung eines Rechtsgeschäfts objektiv den Zweck hat, den Eintritt einer Rechtsfolge zu verhindern, die das Gesetz für derartige Geschäfte vorsieht. Eine Umgehungsabsicht ist hierfür nicht erforderlich (BGH, Urteile vom 21. Dezember 2005 – VIII ZR 85/05, NJW 2006, 1066 f.; vom 9. Februar 1990 – V ZR 274/88, BGHZ 110, 230, 233 f.). § 169 Abs. 5 S. 2 VVG will ausschließlich für den Fall einer Einrechnung der Abschlusskosten in die Prämien verhindern, dass der Versicherungsnehmer durch einen Stornoabzug mit den gesamten Abschluss- und Vertriebskosten belastet wird.

Ferner ist die Kostenausgleichsvereinbarung nicht wegen fehlender Transparenz gemäß § 307 Abs. 1 S. 2 BGB unwirksam. Insbesondere wurde auf die Pflichten der Versicherungsnehmer, die Zahlung der Abschluss- und Einrichtungskosten in einer bestimmten Höhe für 48 Monate, klar und verständlich hingewiesen. Weiterhin wurde den Versicherungsnehmern unmissverständlich vor Augen geführt, dass nur ein Widerruf des  Versicherungsvertrags auch zur Beendigung der Kostenausgleichsvereinbarung führt.

Den beklagten Versicherungsnehmern stand aber das Recht zu, die Kostenausgleichsvereinbarung zu kündigen, denn der vereinbarte Ausschluss des Kündigungsrechts ist wegen unangemessener Benachteiligung gemäß § 307 Abs. 2 Nr. 2 BGB unwirksam. Die beiden vorgedruckten Klauseln bezüglich der Unabhängigkeit der Kostenausgleichsvereinbarung von einer Auflösung oder Aufhebung des Versicherungsvertrages sowie der ausdrückliche Ausschluss des Kündigungsrechts sind einer Inhaltskontrolle zugänglich. Denn hierbei handelt es sich um solche Klauseln, die die Hauptleistungsversprechen einschränken, verändern, ausgestalten oder modifizieren. Nach Ansicht des BGH hält die Regelung einer Inhaltskontrolle nicht stand. Nach § 307 Abs. 2 Nr. 2 BGB sind Bestimmungen in Allgemeinen Geschäftsbedingungen im Zweifel als unangemessene Benachteiligung anzusehen, wenn sie wesentliche Rechte und Pflichten, die sich aus der Natur des Vertrages ergeben, so einschränken, dass die Erreichung des Vertragszwecks gefährdet ist. Dabei erfasst § 307 Abs. 2 Nr. 2 BGB nicht jede Leistungsbegrenzung. Eine Begrenzung ist erst dann unzulässig, wenn sie den Vertrag seinem Gegenstand nach aushöhlt und diesen zwecklos macht (Senatsurteile vom 25. Juli 2012 – IV ZR 201/10, BGHZ 194, 208 Rn. 18; vom 21. Juli 2011 – IV ZR 42/10, VersR 2011, 1257 Rn. 26; vom 19. Mai 2004 – IV ZR 29/03, VersR 2004, 1035, 1036).

Für die Beurteilung der Unangemessenheit ist die wirtschaftliche Einheit der Kostenausgleichsvereinbarung und des Versicherungsvertrages zu berücksichtigen. Der Senat hat bereits entschieden, dass Klauseln in Allgemeinen Versicherungsbedingungen, welche vorsehen, dass die Abschlusskosten im Wege des Zillmerverfahrens mit den ersten Prämien verrechnet werden, sodass im Falle einer vorzeitigen Kündigung der Rückkaufswert unverhältnismäßig gering ist oder gegen Null tendiert, den Versicherungsnehmer unangemessen benachteiligen (Senatsurteile vom 25. Juli 2012 – IV ZR 201/10, VersR 2012, 1149 Rn. 15 ff., 23, 26 f.; vom 17. Oktober 2012 – IV ZR 202/10, BGHZ 194, 208 Rn. 12-15; vom 14. November 2012 – IV ZR 198/10, VersR 2013, 1116 Rn. 12-16).

Auch bei einer fondsgebundenen Rentenversicherung geht es dem Versicherungsnehmer maßgeblich darum, die Kapitalanteile der gezahlten Prämien gewinnbringend zu investieren sowie für den Fall einer vorzeitigen Vertragsbeendigung an den gebildeten Vermögenswerten teilzuhaben. Unter Berücksichtigung dieser Maßstäbe führt die Vertragsgestaltung der Parteien zu einer unzulässigen Beeinträchtigung des Rechts auf den Rückkaufswert und somit zu einer Aushöhlung des Vertragszwecks. Hierdurch entsteht die Gefahr, dass der Versicherungsnehmer schlechter gestellt wird als im Fall der Zillmerung, denn dies kann dazu führen, dass der Versicherungsnehmer mit Verbindlichkeiten belastet wird, die über dem Rückkaufswert liegen.

Schließlich ließ der BGH offen, ob in den von den Versicherungsnehmern abgegeben Erklärungen eine Kündigung der Kostenausgleichsvereinbarung zu sehen ist, denn jedenfalls stehe einem Zahlungsanspruch des Versicherers der von den Versicherungsnehmern erklärte Widerruf ihrer auf Abschluss des Versicherungsvertrages gerichteten Willenserklärungen entgegen.

Nach § 8 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 VVG setzt der Beginn der Widerrufsfrist den Zugang einer deutlich gestalteten Belehrung über das Widerrufsrecht, die über dessen Ausübung und Rechtsfolgen aufklärt, voraus (Looschelders/Heinig in Looschelders/Pohlmann, VVG 2. Auflage § 8 Rn. 45).  

Zu den Rechtsfolgen des Widerrufs des Versicherungsvertrages, über die zu belehren ist, zählen insbesondere auch die Auswirkung auf die Kostenausgleichsvereinbarung und die Frage, ob die hierauf geleisteten Zahlungen zurück zu gewähren sind. Das ergibt sich bereits aus der wirtschaftlichen Einheit beider Verträge (vgl. §§ 358 Abs. 5, 355 BGB zum verbundenen Geschäft; ferner § 9 Abs. 2 VVG). Aber auch der Sinn und Zweck der Belehrungspflicht erfordert eine Information über die Folgen für die geleisteten Abschluss- und Einrichtungskosten, da sich der Versicherungsnehmer vor Entscheidung über die Ausübung des Widerrufsrechts über die wirtschaftlichen Folgen im Klaren sein muss. Die im Streitfall erteilten Widerrufsbelehrungen zum Versicherungsvertrag entsprachen diesen Vorgaben nicht.

 Sarah Appelrath